Schloss Geschichten

Historisches aus und über Schloss Salenegg

Schloss Leben erleben

Alle zum Erhalt notwendigen Massnahmen
Am 28. Januar 2011 hat die Sektion RAETIA der Domus Antiqua Helvetica zu einer Fachtagung unter dem Titel «Energie in historischen Wohnbauten» eingeladen. Das am 1. Januar 2011 in Kraft getretene «Energiegesetz des Kantons Graubünden» gab dieser Tagung zusätzliche Aktualität. Denn leider haben wir es erneut mit einem Gesetz zu tun, das den Umgang mit geschützten historischen Wohnbauten nicht regelt. Ich wünsche mir seit langem, dass für schützenswerte Gebäude in jeder Verordnung, jedem Gesetz, jeder Auflage festgestellt wird: «Alle zum Erhalt notwendigen Massnahmen haben Vorrang.»
Anhand einiger persönlicher Beispiele zeige ich auf, wie dieser einfache Zusatz den Behörden und den Eigentümern das Miteinander erheblich erleichtern könnte.



Eine kurze Geschichte zu Schloss Salenegg
Schloss Salenegg bei Maienfeld hat seinen Gang durch die Geschichte unter einem andern Namen angetreten. Es hiess damals Prestenegg. Der Bau von Prestenegg wurde um das Jahr 950 durch den Prior des Klosters Pfäfers in Auftrag gegeben. Vielleicht hat der freie Blick auf die gegenüber liegende Talseite von Maienfeld, die langen und vollen Sonnenschein hat und darum viel wärmer ist, die Klosterbrüder den Entschluss fassen lassen, für diejenigen von ihnen, die «Presten» (Gebrechen, wohl Gicht und Rheumatismen) hatten, eine kleine Sonnendependance zu besitzen. Eine bis zur Aufhebung des Stiftes 1838 formell existierende Dienstbarkeit verpflichtete den Herrn zu Salenegg, die Mönche von Pfäfers an einem bestimmten Tag im Jahr zehrfrei zu halten. Dies weist wie auch andere Indizien auf eine enge Verbindung zwischen Salenegg und dem Pirminskloster hin.
1330 kam Prestenegg dann in den Besitz der Grafen von Vaz, 1399 in denjenigen des Grafen von Werdenberg, später an die Toggenburger, und 1594 wurde es von Vespasian von Salis gekauft. Damals ist das Haus in Salenegg umgetauft worden. Seit 1654 befindet sich Schloss Salenegg im Besitz der Familie Gugelberg von Moos, die das Haus heute noch bewohnt.
Das Weingut Schloss Salenegg, das älteste Weingut Europas, ist auch die Wiege der Weinkultur in der Bündner Herrschaft. Alle haben über Jahrhunderte ihr Möglichstes zum Erhalt des Schlosses beigetragen. Die Herausforderungen waren und sind vielfältig geblieben. Waren es für meine Vorfahren noch sehr oft Kriegswirren, Frost, Schädlinge und Erbteilungen, sind die Herausforderungen unserer Zeit in erster Linie Fragen der Wirtschaftlichkeit und der Umgang mit gesetzlichen Vorschriften.

Energie in historischen Wohnbauten
Für uns alle, die in historischen Wohnbauten aufgewachsen sind, waren grosse Teile der Ausführungen der geladenen Gäste gelebter Alltag und damit selbstverständlich. Den Rednern und anwesenden Behördemitgliedern schien dies jedoch weniger bewusst zu sein. Hier scheinen wir noch einen grossen Nachholbedarf zu haben. Denn erst wenn für alle Beamten und Behördenmitglieder, die mit historischen Wohnbauten zu tun haben, die Ausführungen wie zum Beispiel die des Bauphysikers genau so selbstverständlich sind, wie für uns Eigentümer, können wir berechtigte Hoffnung für den Erhalt historischer Wohnbauten haben. Die Behörden betonen immer wieder gerne, dass die unter Schutzstellung unseres Eigentums auch zu unserem Schutz erfolge. Wer aber schützt unsere Bauten vor der Unwissenheit, zeitweise gar Besserwisserei der Behörde?



Dass wir jedoch noch weit davon entfernt sind, zeigen Ihnen nachfolgende Beispiele:

Der Bauphysiker bestätigte uns, dass es beim besten Willen unmöglich ist, in historischen Bauten den Behaglichkeitsfaktor moderner Wohnbauten zu erreichen. Dieser lautet: Ø Raumtemperatur – Ø Oberflächentemperatur = +/- 3.5°C. Um eine gewisse Behaglichkeit auch in historischen Räumen zu erreichen, habe man schon früh auf verschiedene «Tricks» zurückgegriffen. Da bekannt war, dass mit einer Wandverkleidung die gefühlte Oberflächentemperatur angehoben werden kann, verfügen so viele historische Bauten über Wandtäfelungen. Diese Räume werden meist mit einem Kachelofen beheizt, daher gehörten Täfelung und Kachelofen untrennbar zusammen. Mich freute das sehr und erinnerte mich an den Besuch des Brandschutzinspektors:

Brandschutz
Der Besuch des Brandschutzinspektors zeigt, dass es auch für Experten nicht einfach ist, alte Bausubstanz einzuschätzen. Die «Grosse Stube», das Herzstück von Schloss Salenegg, wird von einem 1637 hier eingebauten Kachelofen der Hafnerei Pfau aus Winterthur beheizt. Als der Inspektor den Ofen näher anschaut, dreht er sich entsetzt zu mir um und ruft: «Den beheizen Sie aber hoffentlich nicht mehr!» Nun war es an mir, erschrocken zu sein: «Doch, jedes Jahr zu Weihnachten, warum?» «Und da ist noch nie etwas passiert?», fragt er erstaunt zurück. «Nein, Salenegg hat noch nie gebrannt!», erwidere ich immer noch erschrocken. «Erstaunlich, das kann nicht sein, sehen Sie, wie nah die Täfelung am Ofen ist. Diesen Ofen dürfen Sie nicht mehr beheizen!», beschliesst er.
Nach einer Diskussion einigen wir uns, dass er vor dem definitiven Entscheid mit einer Wärmebildkamera wieder vorbei kommen werde, er will mir so bald wie möglich einen Termin geben. Ich bitte ihn, mir rechtzeitig zu sagen, wann er komme, damit ich den Ofen langsam einheizen könne. Anfang November erhalte ich die Mitteilung, er werde in zwei Tagen mit der Kamera auf Salenegg eintreffen. «Das geht nicht!», sage ich. Er will wissen warum nicht, ich müsse ja nur einmal gut einfeuern, das reiche für die Kamera. «Für die Kamera vielleicht», entgegne ich, «aber sicher nicht für den eisigkalten Ofen und den völlig ausgekühlten Raum. Wissen Sie, wir beginnen immer drei Wochen vor Weihnachten mit dem langsamen Einheizen des Ofens. Ofen und Raum müssen sich langsam an die Temperaturveränderungen gewöhnen, damit sie keinen Schaden nehmen.»
Wir werden uns «handelseinig» und machen einen Termin im Januar aus. So habe ich meinem lieben alten Ofen zum ersten Mal bei der Arbeit zusehen können. Die Kacheln neben der Täfelung werden tatsächlich nicht wärmer als 26°C, in der Mitte im sogenannten Zug herrschen indes Temperaturen von 300°C, die in den Ofen-Turm hochfahren, sich dort überschlagen und leider zu einem grossen Teil im Kamin wieder verschwinden.
Mit einem erstaunten: «Dass die das damals schon wussten!?!» verlässt mich der Brandinspektor wieder, wir sind beide sehr zufrieden mit dem Resultat. Mir hat sein Besuch gezeigt, dass der richtige Umgang mit historischem Gut ebenfalls gelernt sein will. Am Besten anscheinend durch Überlieferung! Doch zurück zur Tagung: Die Notwendigkeit des Energiesparens war allen Teilnehmern der Tagung klar. Es herrschte jedoch grosse Unsicherheit, welche Auswirkungen das neue Energiegesetz in der Praxis haben wird. Das Gesetz schafft Anreize für einige der vorgeschriebenen Sanierungsmassnahmen. Verschiedene dieser Massnahmen stehen jedoch im Widerspruch zum Erhaltungsauftrag, der uns im Baugesetz auferlegt wird. Die offiziellen Sanierungsvorschläge, die für Bauten ab dem Jahr 1964 absolut sinnvoll sind, können für historische Bauten fatale Folgen haben. Das neue Energiegesetz des Kantons Graubünden macht aber keinen Unterschied zwischen Neubauten und historischen Wohnbauten. So wurde uns empfohlen, vorgängig mögliche Folgen genau abzuklären und einen entsprechend angepassten Sanierungsvorschlag auszuarbeiten. Dafür sei als erstes eine möglichst genaue Bestandesaufnahme nötig. Der Bauphysiker legte uns nahe mit einer Nutzungsliste zu beginnen:
1. eine Liste aller Räume.
2. Räume nach ihrem Nutzen einteilen.
3. Da es unmöglich ist, alle Räume ganzjährig zu nutzen, müssen diese wiederum eingeteilt werden in:
a) Räume, die nur im Sommer genutzt werden sollen
b) Räume, die das ganze Jahr über genutzt werden sollen.
Danach sei eine gründlich Untersuchung der Beschaffenheit der einzelnen zu beheizenden Räume notwendig. Erst dann könne ein Sanierungsvorschlag erarbeitet werden. Dieser Vorschlag werde jedoch nie dem gesetzlich Vorgeschriebenen genügen und somit auch nie subventionsberechtigt sein; auch die Kosten für diese Abklärungen müssen vom Eigentümer getragen werden. Damit fängt die Geschichte jedoch erst an: Ist einmal ein solcher Vorschlag ausgearbeitet, ist es in erster Instanz die lokale Baubehörde, die über das Vorhaben entscheidet. Da im Energiegesetz historische Bauten mit keinem eigenen Artikel gewürdigt werden, ist es dem Eigentümer zusammen mit den Gemeindebehörden und schliesslich den kantonalen Behörden überlassen, einen Weg zu finden. In der grossen Mehrheit verfügen diese Behörden jedoch nicht über die nötigen Erfahrungen, um ein solches Gesuch abschliessend behandeln zu können. Auch wenn der Eigentümer die Unterstützung der Denkmalpflege für sein Vorhaben hat, wird oft gezögert, aus Angst, diese eine Ausnahme könnte Schule machen. Gerne wird vergessen, dass die Einzigartigkeit einer historischen Wohnbaute diese nicht nur schützenswert, sondern auch zur Ausnahme macht. Wäre eine Ausnahme bereits im Gesetz verankert, erleichterte dies den zuständigen Behörden und den Eigentümern den gemeinsamen Entscheidungsprozess ungemein.

Die Werte Frage
Am Nachmittag an der Podiumsdiskussion wurde die «Werte Frage» gestellt. Zuerst war mir nicht klar, von welchen Werten hier die Rede sein soll. Nach und nach verstand ich, dass es sich bei den angesprochenen Werten um solche handelt, die für mich eine Selbstverständlichkeit darstellen: der Erhaltenswert historischer Bauten. Für uns Eigentümer stellt sich diese Frage ganz anders: Wie erhalte ich das nötige eigene Interesse und wie wecke ich es in meinen Nachkommen! Wie eingangs gestreift, die Wohnqualität ist nicht vergleichbar mit einer modernen Wohnung. Wir treffen bei Aussenstehenden auf wenig Verständnis für die Eigenart eines historischen Gebäudes und wenn vorhanden, ist es oft sehr realitätsfremd. Wir sind dazu aufgefordert, täglich eine Brücke zwischen jung und alt zu schlagen. Es muss uns gelingen, die eigenen Nachkommen für unsere Stammhäuser zu begeistern. Ich bin der Meinung, nur wenn es mir gelingt, die Freude am Objekt an meine Kinder weiterzugeben, hat Salenegg eine Chance auch in der Zukunft zu bestehen. Sollten sie jedoch zum Schluss gelangen, der Erhalt ist nur Mühsal, Kosten und Ärger, dann hat der Staat erheblich dazu beigetragen! Wir brauchen Unterstützung, die Unterstützung von gut ausgebildeten Spezialisten, die uns durch den Vorschriften-Dschungel führen. Spezialisten, die der lokalen Behörde den Rücken stärken und die Verantwortung abnehmen, die uns helfen, die nötigen Expertisen und Untersuchungen, die nötigen Belege für eine Ausnahmeregelung zu beschaffen ohne Kostenfolge für den Eigentümer. Es ist teuer, einen historischen Wohnbau zu bewohnen, zu unterhalten und mit jedem neuen Gesetz und mit jedem Besuch eines Beamten wird es noch teurer.
Vorerst sind für mich darum ganz andere Werte, wie Eigenmiet- und Ertragswert, Steuerund Versicherungswert von grösster Bedeutung. Erst wenn diese Werte für alle nachvollziehbar sind, können wir uns wirklich auf die kulturellen Werte konzentrieren. Als Weingut ist Schloss Salenegg ein landwirtschaftlicher Betrieb und deshalb zum Ertragswert geschätzt. Für die steuerfreie Wohnfläche einer landwirtschaftlich genutzten Liegenschaft ist interessanterweise die Anbaufläche des Betriebes massgebend. Auf dem Rundgang mit den Schätzern mussten wir feststellen, dass mir mit meiner Anbaufläche gerade einmal die Küche und der Gang zum WC als steuerfreie Wohnfläche zustünden. Dank der grossen Erfahrung des älteren Schätzers ist es uns dann gelungen, einen Kompromiss zu finden und den Eigenmietwert auf der Basis der Wohnfläche der ganzjährig bewohnbaren Räume zu berechnen.
Nachdem der Schätzer seinen mutigen Entschluss gefasst hatte, meldeten sich zwei Herren der kantonalen Steuerbehörde an. Und auch hier musste gefeilscht werden. Für mich waren alle diese Besuche recht eigentümlich: Warum muss ich meine Lebensweise vor fremden Herren ausbreiten. Warum muss ich ihnen alles bis zum Badezimmer zeigen? Wer gibt ihnen das Recht zu bestimmen, was notwendig ist und was nicht? Wenn ich ihnen erkläre, wie hoch der Unterhaltsaufwand ist, den ich in meinem, aber offensichtlich auch im Interesse der Öffentlichkeit tätige, wenn ich mir erlaube nach etwas Entgegenkommen und Anerkennung zu verlangen, wird mir ins Gesicht gelacht und gesagt: «Dafür wohnen Sie ja schön!»
Sobald ich diesen Satz höre, weiss ich, dass ich nicht verstanden werde. Wie soll ich jemandem erklären, dass die Wohnqualität in einem um 950 erbauten Haus, welches das letzte Mal 1782 einer grundlegenden Renovation unterzogen wurde, nicht mit der Wohnqualität eines hübschen Einfamilienhauses des 21. Jahrhunderts am Dorfrand zu vergleichen ist.

Von allen Seiten gefordert
Art. 34 d im Baugesetzt der Stadt Maienfeld schreibt vor, dass die im Generellen Gestaltungsplan als schützenswert bezeichneten Gebäude unterhalten werden müssen und nicht abgebrochen oder ausgekernt werden dürfen. Als Eigentümerin weder ich also gezwungen, Schloss Salenegg zu erhalten und bin in der Ausübung meiner Eigentumsrechte in einer Art und Weise eingeschränkt, wie dies kaum ein anderer Hauseigentümer je sein wird. Doch noch ist es auch mir ein Bedürfnis, Salenegg zu erhalten. Dafür brauche ich die nötigen Mittel, und im Idealfall kann das geschützte Objekt diese Mittel selber erwirtschaften. Dies ist die einzige langfristige und tragfähige Strategie, die es zu verfolgen gilt. So war ich glücklich, dass es mir gelang die Anbaufläche zu erweitern, die grössere Fläche bringt grössere Erträge, diese erfordern jedoch grössere Verarbeitungskapazitäten. Und so begann ich vor vier Jahren mit der Planung des Erweiterungsbaus. Vor drei Jahren konnte ich der lokalen Baubehörde die ersten Planunterlagen und das Modell des dringend notwendigen Erweiterungsbaus von Schloss Salenegg präsentieren.
Dass das Ausbauvorhaben heute realisiert werden kann, ist dem unvergleichlichen Einsatz unseres Stadtpräsidenten, der vorbehaltlosen Unterstützung des kantonalen Denkmalpflegers und zwei Anwälten zu verdanken. Nur mit ihrer Hilfe war es möglich, eine gesetzeskonforme Lösung im Einvernehmen mit der lokalen Baubehörde zu finden, die für das Bauvorhaben vorgängig keine Genehmigung erteilen wollte.
Es hat jedoch grossen zeitlichen und finanziellen Einsatz von allen Seiten gefordert, ganz zu schweigen von der emotionalen Belastung! Mit einem einfachen in allen Gesetzen und Plänen verankerten: «Alle zum Erhalt notwendigen Massnahmen haben Vorrang», wäre es vielleicht leichter gewesen.
Erst mit einer gesetzlich verankerten Einzigartigkeit historischer Wohnbauten können Eigentümer mit den Behörden auf Augenhöhe in einen Dialog treten. Erst mit der Anerkennung der Einzigartigkeit durch den Gesetzgeber können kreative auf das einzelne Objekt angepasste Lösungen gefunden werden. Erst diese Anerkennung gibt auch den Behörden die Sicherheit, mit einer Ausnahme keine unsäglichen Präzedenzfälle zu schaffen, die sie in der weiteren Arbeit behindern könnten.
Solange wir keine Gesetzgebung haben, die historischen Wohnbauten das Recht auf Einzigartigkeit einräumt, bewegen wir Eigentümer uns immer in einer ungewissen Grauzone. Wir werden nie Rechtssicherheit erlangen und uns immer dem Wohlwollen der Behörden und Beamten ausgeliefert fühlen. Erst wenn festgestellt ist, dass es sich bei den geschützten Bauten in allen Belangen um Unikate handelt, die auch als solche behandelt werden müssen, wird eine für das geschützte Objekt optimal angepasste Auslegung des Gesetzes möglich, und alle zum Erhalt notwendigen Massnahmen erlangen Vorrang.
HvG 5.2011


Gestalten nicht verwalten

Zukunft ist Herkunft
Überall, damit Neues entsteht, muss der Notwendigkeit ein Bedürfnis folgen und dieses dann mit Gefühlen und Vorstellungen in Einklang gebracht werden.
Im Gegensatz zu Gefühlen und Vorstellungen, sind Notwendigkeit und Bedürfnis schnell begründet: In den vergangenen 10 Jahren war es mir möglich die Rebfläche von 8 auf 11,5 Hektaren zu erhöhen. War Schloss Salenegg vor 10 Jahren noch für den traditionellen Blauburgunder bekannt, erfreuen sich heute auch der Pinot Noir Barrique, der Chardonnay Barrique und die Cuvée Blanche grosser Beliebtheit. Und eigens für die Eröffnung des Neubaus haben wir «les étincelles de Salenegg» geschaffen. Beides Ausbau der Anbaufläche sowie Diversifikation im Wein-Angebot machten den Neubau zu einer Notwendigkeit und einem Bedürfnis.
Schwieriger wurde es, als ich mich daran machte Worte dafür zu finden, was der Neubau zum Ausdruck bringen soll, damit er zu mir und zu Schloss Salenegg passt.
Wie bringe ich das, was dieses neue Gebäude für mich bedeutet, in eine Wort-Form? Wie erkläre ich das, was es über seine reine Funktionalität hinaus an meiner Stelle sagen soll?

In vielen Gesprächen wurde aus dem Gefühl und der Vorstellung die Idee, fanden sich Worte und aus diesen konnte Form werden. An dieser Form haben viele – bewusst und unbewusst – mitgewirkt. Jeder einzelne mit seinem: «Ja, aber!», «Nein, sicher nicht!» half, die Konturen des «muss sein» herauszuschälen und über «ginge das?» gelangten wir zum «ja, das geht!».

Über die vielen «ja, aber» Stufen erkletterten wir schliesslich die «Aussichtsplattform» und sahen zum ersten Mal, wie das eher diffuse Vorgefühl, der eigentliche Wunsch, Wirklichkeit werden könnte. Inzwischen war ein Jahr vergangen und mit grosser Freude machte ich mich daran, das Spezialisten-Team zusammenzustellen und ihnen meine Idee vorzustellen.
Der Weg, den wir miteinander bewältigten, dauerte vier Jahre und führte uns vom Pass der Gebäudeform und -ausprägung, ins Tal der Denkmalpflege, auf den Gipfel der Gesetzgebung und wieder tief hinunter durch die Schlucht der Wirtschaftlichkeit.

Am 17. Juli 2010 erreichten wir dann den eigentlichen Schauplatz und begannen mit der Umsetzung.

Zukunft ist Herkunft
Dieses Motto von Schloss Salenegg entspringt nicht nur der über 350 jährigen gemeinsa- men Geschichte von Familie und Haus. Es spiegelt auch meine eigene tiefe Überzeugung. Das neue Gebäude ist Ausdruck von Zukunft ist Herkunft, was soviel bedeutet wie: «Gestalten nicht verwalten!».

Das Gebäude verleugnet seine Jugend nicht, dennoch übt es sich in Bescheidenheit. Es läuft seinen Vorfahren nicht den Rang ab. Es steht selbstbewusst und eigenständig daneben und gehört so dazu.

Wenn sich im Herbst die Blätter im Rebberg verfärben und nach dem ersten Frost vom letzten Föhnsturm weggefegt werden, dann ist Hochsaison im Neubau. Der Besucher erkennt dieses saisonale Zusammenspiel von Gebäude und Umgebung an der Gestaltung der Aussenhülle. Der Rebberg in seiner Ruhephase draussen, derweil wird drinnen die Ernte verarbeitet.




Im Juli 2010 ist der erste Bagger aufgefahren, um die Sondierungsschlitze zur Beurteilung des Baugrundes zu graben. Zum ersten Mal habe ich sechs Meter tief den Querschnitt des Bodens gesehen, der mich und Salenegg ernährt – das Verwitterungsgestein, die Lehmschichten, die Sandschichten, die Steinnester, dieses sanfte Farbspiel der Erdtöne. Oder: der Grund in der meine Reben wurzeln, und aus der sie ihre Kraft schöpfen, ihr Terroir, für mich zum ersten Mal sichtbar. Es waren Bilder, die mich nicht mehr loslassen wollten. Der neue Keller liegt bergwärts elf Meter unter dem gewachsenen Terrain. Die Frage; wie kann ich diesen Anblick für alle sichtbar machen, begann mich umzutreiben.




Meine Antwort finden Sie heute im neuen Keller. Nach meinem Modell haben wir die Stampfbeton-Wand aus einheimischem Material gegossen.

In einer Zeit, in der es noch kaum Fliessbandware gab, in der Zeit als das Material noch kostbarer war als die Arbeitsstunde, aus dieser Zeit stammt die Form unserer Keramik- Bodenbeläge. Ich schätze das Symbolische alter Formen sehr. Zu den praktischen Überlegungen zählten die Rutschfestigkeit, Beständigkeit und Belastbarkeit. Diese sind einzig im Kleinformat erhältlich, doch wenn ich meine Böden betrachte, denke ich nicht an Belastbarkeit und Beständigkeit, diese sind auf Schloss Salenegg selbstverständlich. Ich denke an die Baukunst der Bienen und freue mich, dass unser «Nektar» passend lagert.

Dem Bau mussten drei alte Bäume weichen. Sie finden auch diese wieder. Von einhei- mischen Holzbauern verwandelt in Tische und eine Schrankwand haben sie am Ort ihrer Herkunft auch ihre Zukunft. Und vielleicht lagerte der Wein in Ihrem Glas just in dem Barrique, das Sie im Degustations-Raum in Form eines Stuhles wiederfinden!




Denn: Zukunft ist Herkunft.

HvG 5.2011


Im Wandel der Zeit durch Bäume geprägt

Baum der Inspiration
Schloss Salenegg, das sich an aussichtsreicher, vom Städtchen Maienfeld etwas abgesetzter Lage sonnt und sich mit seiner langgezogenen, durch den malerischen Turm belebten Silhouette glücklich in die grosszügig modellierten Formen des Rebgeländes einfügt, hat seinen Gang durch die Geschichte unter einem andern Namen angetreten.
Es hiess damals Prestenegg. Der Bau von Prestenegg, wurde um das Jahr 950 durch den Prior des Kloster Pfäfers in Auftrag gegeben. Vielleicht hat der freie Blick auf die gerade gegenüber liegende Talseite von Maienfeld, die langen und vollen Sonnenschein hat und darum viel wärmer ist, die Klosterbrüder den Entschluss fassen lassen, für diejenigen von ihnen, die «Presten» (Gebrechen, wohl Gicht und Rheumatismen) hatten, eine kleine Sonnendependance zu besitzen. Eine bis zur Aufhebung des Stiftes 1838 formell existierende Dienstbarkeit verpflichtete den Herrn zu Salenegg, die Mönche von Pfäfers an einem bestimmten Tag im Jahr zehrfrei zu halten, dies weist wie auch andere Indizien auf eine enge Verbindung zwischen Salenegg und dem Pirminskloster hin.
1330 kam es dann in den Besitz der Grafen von Vaz, 1399 in denjenigen des Grafen von Werdenberg, später an die Toggenburger und 1594 wurde es von Vespasian von Salis gekauft. Damals ist das Haus in Salenegg umgetauft worden und beim Brunnen im Hofe wurde die Sahlweide, das Wappenbild der Familie von Salis gepflanzt. Seit 1654 befindet sich Schloss Salenegg im Besitz der Familie Gugelberg von Moos, die das Haus heute noch bewohnt.

Wie wir dem Bündner Montatsblatt vom September 1926 entnehmen, hat diese Weide 1890 eine aussergewöhnliche Grösse erreicht: «Ihr Stamm misst 5,40 m an Umfang und ihre langen Äste hingen über den ganzen grossen Brunnen herunter, und ihre starken Wurzeln hoben die schweren Steinplatten des Brunnenbodens.»
Ihre Zeit schien gekommen. Grosse Äste starben ab, der Stamm wurde innen faul, nach und nach hohl und bekam einen grossen Riss. Wir wissen nicht, warum der Baum nicht beseitigt wurde. Vielleicht weil er gut windgeschützt stand, konnte man ihn gefahrlos für die nächsten 20 Jahre sich selber überlassen. Weiter lesen wir im Monatsblatt: «Gerade als man den Baum ganz aufgegeben hatte, regte sich, erstaunlich genug, etwas neues Leben, zeigten sich einige ganz junge Triebe und frisches Laub in der Baumkrone, was man sich gar nicht erklären konnte. Als man der Ursache nachforschte, konnte man feststellen, dass die Baumkrone eine junge Wurzel durch das faule Innere des eigenen Stammes getrieben hatte, die kaum armsdick war, als man sie 1910 entdeckte. Das morsche Holz im Inneren des Stammes brach nach und nach heraus, die Wurzel kam an die Luft, es bildete sich eine Rinde und sie wurde selbst zum neuen Stamme, der nun die alte Baumkrone ernährt.» Der neue Stamm wuchs nun rasch im Schutze der alten Hülle und hatte 1926 bereits einen Umfang von einem Meter erreicht.



Diese ungewöhnliche Verjüngung der alten Weide wurde damals von vielen Besuchern erstaunt betrachtet. Sie inspirierte den oft in unserer Gegend weilenden Dichter Rainer Maria Rilke zu folgenden Versen, die er in das Gästebuch von Schloss Salenegg schrieb.

Einstens pflanzten sie die Wappenweide,
eine Frage an der Zukunft Heil.
Lebende und Tote, schien es beide
nahmen an des Wachstums Hoffnung teil.

Sie gedieh. Der Erde Kraft bejahte
das dem Baum verbündete Geschlecht:
Jedesmal wenn sich ein Frühling nahte
gab der Himmel seinem Antrieb recht.

Wie nicht an des Baumes überwinden,
wie nicht an des Stammes überstehn
einen Glauben, eine Hoffung binden?
Wenn wir ein Vertrautes dauern sehen,

dauern wir mit ihm; so wuchs der Baum.
aus dem immer stärkern Stammgebäude
warf er jährlich seine grüne Freude
in den freudig zugestimmten Raum.

Aber wachsen heisst auch altern. Endlich
gab die greise Baumgestalt sich auf,
und mit Sorge sah man unabwendlich
den sich still erschöpfenden Verlauf.

Des vergreisten Stammes Rinde klaffte:
Man gewahrte durch den dürren Riss
mehr und mehr die ganze unwesenhafte
saftverlassne leere Finsternis.

Unter Sturm und Überwintern immer
weiter offen stand die Höhle lang,
schliesslich zog in dieses schwarze Zimmer
obdachlos ein fremder Untergang.

Nur durch einer letzten Wurzel Leitung
(in dem Hohlraum hängend, wie verjährt)
schien des heitern Laubes Zubereitung
noch für eine kleine Zeit gewährt.

Niemand achtete der welken Fäden,
selbst des Gärtners Sorgfalt täuschten sie,
denn wir leben näher an den Schäden,
als an eines Wunders Melodie.

Dies vollzog sich dennoch. Wunderbares
atmete im Armsein des Verfalls;
heimlich stieg die Stimme jedes Jahres
innen auf und stärkte diesen Hals.

Langsam markte er sich aus zum Stamme,
und nun steht die Wandlung, die verfällt,
schützend da, wie man um eine Flamme,
welche kämpft, die hohlen Hände hält.

Envoi:
Möge nun des starken Baumes Häutung
Weiterhin für den Stammbau gültig sein:
mit dem Baum erneut sich die Bedeutung
und der heimlich wirkende Verein.

Salenegg, im August 192
Rainer Maria Rilke



Noch heute steht die Sahlweide zwischen Brunnen und Ententeich. Inzwischen hat der Stamm wieder einen Umfang von 3,8 Metern erreicht. Für mich hat dieser Baum eine besondere Bedeutung. Nicht nur weil ein berühmter Dichter ihm ein schönes Gedicht gewidmet hat und er meinem Zuhause seinen Nahmen gab, sondern auch weil er mir täglich zeigt, dass genügend Zeit und das optimale Nutzen der Möglichkeiten jede noch so missliche Lage zum Guten wenden können. Möge die Sahle von Salenegg noch vielen Generationen in diesem Sinne Vorbild sein.

Baum der Arbeit
Durch Violanda, Tochter des Vespasian von Salis, der Salenegg Namen und Weide schenkte, ging Schloss und Gut an Anton von Molina. Ritter Molina, dessen Tod die Sage mit mysteriösen Berichten umrankt hat, hinterliess keine männlichen Erben, und seine drei Töchter verkauften Salenegg 1654 für 14’000 Gulden und sechs Fuder Wein an Hans Luzi Gugelberg von Moos, Landeshauptmann im Veltlin und Stadtvogt zu Maienfeld. Er beschaffte aus Flums den aus einer mächtigen Eiche gefertigten Torkelbaum, für dessen Transport damals fünfzig Ochsen nötig waren.
Der Torkelbaum ist 14 Meter lang und der Stein als Gegengewicht wiegt 3 Tonnen. Diese Grösse war erforderlich, damit Hebel und Gegengewicht den nötigen Druck erzeugen konnten. Nach dem Befüllen des Fruchtkorbes konnten die Beeren durch das Heben des Steines mit der einer Druckkraft von maximal 39 Tonnen abgepresst werden. Damals war für das Heben und Senken des Steines an der Spindel die Kraft von vier stämmigen Männern nötig, die mit Fingerspitzengefühl, darauf achteten, dass die Kerne nicht zerquetscht wurden, was zu einem scheusslichen Bitter-Grünton im Saft geführt hätte.



Der Torkelbaum, der auch mit einer Obstmühle versehen ist, war von 1658 bis 1926 das wichtigste Arbeitsgerät im Keller. Auch er hat sehr wechselvolle Jahre erlebt. In unserer Familien Chronik «erzählt» der Torkelbaum gleich selber aus seinem wechselvollen Leben:

Anno achtzehnhundert sieben und zehn –
Mir mochte fast Hören und Sehen vergehn -
Der Hagel schlug alles auf Feldern und Rain
Zusammen, und die Scheiben in Stücke klein;
Der Rhein schwoll an, überschwemmte die Au
Und Hunger und Elend trat allweg zur Schau.

Anno achtzehnhundert zwanzig und acht,
Da hat’s unser Herrgott besser gemacht;
Er spendete Trauben in grosser Zahl
So dass man verlegen war um Lokal.

Das Schlimmste von diesen fünfziger Jahren
War 50 und eins, wo die Trauben auf Schlitten eingefahren
Denn Ende October hats eingeschneit
Und kalt ist’s geblieben gar lange Zeit.
Die Trauben im Wingert sind hart gefroren
Und der Wein im Torkel hat nicht gegohren.

Baum der Zukunft
Auf Salenegg aufgewachsen, kann ich mir ein Leben ohne Bäume, die mir ihre Geschichte erzählen, gar nicht vorstellen. Die für meine Zeit wichtigste Geschichte auf Salenegg erzählt das neue, ganz junge Bäumchen. Am 22. Dezember 2010 ist es zu diesen beiden ehrwürdigen Alten gestossen: das Richtbäumchen auf dem Dach des Torkel-Neubaus von Schloss Salenegg.

Während die Sahlweide weiter die schweren Brunnenplatten anzuheben versucht und der Torkelbaum in seiner Majestät die Erinnerung an vergangene Zeiten wach hält, ist der Richtbaum Fingerzeig in die Zukunft. Er verbindet, mit seiner Vergänglichkeit, was Sahlweide und Torkelbaum verkörpern. Die Erneuerung aus sich selbst und die Arbeit, die darin steckt. Dies sind die Anforderungen an jede Generation, die ein Erbe antritt.



Das Weingut Schloss Salenegg, das älteste Weingut Europas ist die Wiege der Weinkultur der Bündner Herrschaft. Alle Generationen haben über Jahrhunderte ihr Möglichstes beigetragen. Die Herausforderungen sind vielfältig. Waren es für meine Vorfahren noch sehr oft Kriegswirren, Frost und Schädlinge, so sind es heute in erster Linie Fragen der Wirtschaftlichkeit, die eine grosse Herausforderung darstellen. Nie zuvor haben sich innert einer Generation die Arbeitsmethoden im Rebberg und Keller und damit die Weinkultur so stark gewandelt. Als Kind erklärte man mir:«Was der Herrgott wachsen lässt, muss man wachsen lassen.» Die Temperaturkontrolle im Keller hing vom Wetter draussen ab, zu einer Spontangärung gab es keine Alternative. Erst jetzt, in meiner zweiten Lebenshälfte, haben wir die Wahl. Können wir, was für meinen Grossvater noch unmöglich war, selber entscheiden und immer genau so eingreifen zu können, wie es gerade nötig ist. Ohne die Erweiterung des Torkels wäre es uns nicht möglich, mit diesen Veränderungen Schritt zuhalten. Schritt halten ohne seine Wurzeln zu verlieren ist die grosse Kunst. Unsere Wurzeln sind im traditionellen Blauburgunder. Die Brücke in die Zukunft schlagen wir mit den Barrique Weinen und der «Etincelle» einem «blanc de blanc» aus der Chardonnay Traube, der mit der althergebrachten «Rüttelmethode» hergestellt wird. Die ersten Korken werden zur Eröffnung im August 2011 knallen.
Neben der Weinbereitung haben wir uns auf etwas spezialisiert, dessen Name alleine schon meinen Urgrossvätern einen kalten Schauer den Rücken runter jagte: dem «Delikat Essig». Diese Manufaktur habe ich nach mehrjährigen Experimenten im Jahr 2002 gegründet. Soweit konnte es ebenfalls nur dank des Fortschrittes in der Messtechnik, den neuen Erkenntnissen über die nötigen Bakterien und der damit verbundenen Steuerung von Gärprozessen kommen. Mittlerweile produzieren wir 12 Delikat Essige höchster Qualität, die sich immer grösserer Beliebtheit erfreuen.

In Zukunft wird sich jeder Besucher von Schloss Salenegg auf eine wahre Zeitreise begeben, wenn er durch den Torbogen, um 950 erbaut, in den Hof kommt und das Haupthaus betrachtet. Dieses hat Ulysses Gugelberg von Moos zwischen 1782 und 1784 umfassend erneuert um die aus verschiedenen Bauetappen stammenden Teile zu einer einheitlichen Anlage zu formen. Commissarius Ulysses war bei diesem Umbau nicht etwa nur Auftraggeber, nein, ein Zeitgenosse bestätigt, «dass weder deutsche noch italienische Architekten, sondern das erfinderische Genie des Eigentümers den Plan zu diesem Gebäude entworfen hat.» Dem Vorbild meines Urahns folgend trage ich alleine heute die Verantwortung für den Neubau. Der Dank der tatkräftigen Unterstützung der heimischen Unternehmer so gut gelungen ist. Diesen erreichen wir auf unserem Weg vorbei an der Sahlweide in den alten Torkel. Neben dem Torkelbaum von 1658 steigen wir in den neuen Fasskeller hinab. Elf Meter tief im Erdreich werden schon bald die aktuellen Jahrgänge des Saleneggers ruhen. Aus den Tiefen des Kellers steigen wir etwas später hinauf zum Degustationsgeschoss (14 m über der Erde) und geniessen, ein Glas Salenegger in der Hand, den freien Blick auf die Herrschaft – erblicken in der Ferne Schloss Sargans – und weitere Geschichten warten bereits... .
Helene v. Gugelberg


«Briefe über Graubünden»

Mag. J. F. Heigelin, verlegt bey C. F. Cotta in Stuttgart, 1793
Der deutsche Heigelin war der Reiseberichterstatter im 18. Jahrhundert. 1793 führte ihn auch eine Reise durch die Bündner Herrschaft. Die Bündner beschreibt er als rohes, grobes und ungebildetes Volk. Doch scheint er von seinem Aufenthalt auf Schloss Salenegg doch recht angetan.
Der deutsche Reisende
Heigelin in «Briefe über Graubünden», Stuttgart, schreibt 1739 über Salenegg:

«Auf was nicht nur das Städtchen, sondern auch die ganze Herrschaft, die germ. 3 Bünde mit eingeschlossen, stolzieren können, erraten Sie leicht, da ihr Blick auf jenes modern renovierte Schloss an der Landstrasse fällt, das dem Hr. Commissarius Gugelberg v. Moos gehört. Im schönsten Ebenmass bildet es ein verlängertes Viereck, dessen westlicher Seite das Dörfchen Ragaz, das Kloster Pfäffers und die umliegende Gegend ihre Reize zum Vergnügen darstellen. Nicht seichte Fresco-Geburten und übertriebene Scheinkollonnaden verunstalten das Äussere, sondern eine natürliche Steinfarbe kleidet es in Unschuld, Würde und Schmuck. Der feine und gebildete Geschmack, welcher in Zimmern, Salons und Kabinetten so mannigfach reich abgedruckt ist, übertrifft die Erwartung jedes Fremden, und es erhöht die Bewunderung, wenn man vernimmt, dass weder deutsche noch italienische Architekten, sondern das erfinderische Genie des Eigenthümers den Plan zu demselben selbst entworfen hat. Als seltene Reliquie des Alterthums bemerken Sie in demselben ein mit verschiedenen Holzarten künstlich eingelegtes und vergoldetes Zimmer, worin der Ofen nach 120 – jähriger Hafnerkunst mit Kaisern, Kurfürsten, Mark- und Burggrafen, Philosophen und Künstlern gar mannigfach versehen ist. Jede Figur besingt ein schnackischer Reim, aus der Feder eines Dichters oder Hafners geflossen, in folgendem Versmass:

Alle Figuren die hier stahn
die zeigen dir gar klärlich an,
jeder erzählt seinen Beruf
darin ihn Gott der Herr erschuf.

Von der Astronomie wird gesagt:
Der Mensch wär nicht natürlich schlächt
wenn er die Ding ergreifen möcht
die Gott mit fürsichtigem Rath
dem Menschen zu gut erschaffen hat.
Mit dem hat Gott den Himmelsthron
geschaffen, Stern, Sonn und auch Mon.

Das Lob der Musika:
Ich bin das G'sang und Musika
füg die Stimm zusammen da
auf aller Instrumentenklang
brauch' ich das rechte Noteng'sang.
Die Vierkunst Musika erklingt,
dass sie die Ehre Gottes singt.

In demselben Zimmer sind die 14 Ahnherren! Jener edlen und verdienstvollen Familie, als Ritter und Väter des Vaterlandes geharnischt und mit unverkennbaren Zügen schweizerischer Freiheit und Biederkeit gezeichnet, bis auf den jetzt lebenden Stammhalter an den Seitenwänden eingelassen.
Der obere Teil des Gebäudes vereinigt alles Schöne und Kunstreiche, das man nur in Graubünden aufsuchen kann, sowohl durch niedliche Stuccaturarbeiten und Vergoldungen, als den leichtesten italienischen Marmorschmuck.

Sind Sie ein Freund des Pflanzenreichs. so gibt Ihnen der mit ausländischen Gewächsen wohlgezierte Garten den zuverlässigsten Beweis von der Fruchtbarkeit und dem glücklichen Klima der Herrschaft Maienfeld. Teils unter freiem Himmel, teils im Treibhaus grünen und fruchten mehrere Pflanzen vom heissesten Erdstrich und den südlichsten Gegenden Frankreichs und Italiens. Zum Beispiel: Pomeranzen, Citronen, Feigen, Mandeln, Granatäpfel, Ananas, Pisang. Verschiedene Arten der afrikanischen Aloè, Myrthen, Cypressen, Oleander u. dgl. mehr."


Rilke zu Besuch auf Schloss Salenegg, 1926

Dieser grosse deutsche Dichter war ebenfalls zu Gast auf Schloss Salenegg. Die sich selbst, von allen bisher unbemerkt verjüngende Saalweide, dem Wappenbaum der Familie von Salis, rührte ihn so sehr, dass er ihr ein Gedicht widmete. Dieses Gedicht über die Sahle von Salenegg dürfte eines der letzten Gedichte sein, das er vor seinem Tod schrieb.
Separatabdruck aus dem Bündner Monatsblatt
Nummer 9 vom September 1926

(Zum Gedichte von Rainer Maria Rilke)

Die Sahle von Salenegg (Salweide = Salix babylonica)'
Nach einer Tradition soll das heutige Salenegg bei Maienfeld von den Mönchen des Klosters Pfäfers angelegt worden sein. Es hiess damals Prestenegg. Es erscheint dies nicht als unwahrscheinlich, denn beim Kloster scheint die Sonne um Weihnachten herum allerdings drei- bis viermal täglich, immer aber nur wenige Minuten zwischen den verschiedenen Berggipfeln hervorschauend. Zudem ist die Gegend recht kalt. Der freie Blick auf die gerade gegenüber liegende Talseite von Mayenfeld, die langen und vollen Sonnenschein hat und viel wärmer ist, legte den Klosterbrüdern gewiss den Wunsch nahe, für diejenigen von ihnen, die "Presten" (Gebrechen) hatten, eine kleine Sonnendependance zu besitzen, und sie hatten ja Zeit und das den Mönchen angeborene Talent, einen recht sonnigen und geschützten Platz herauszusuchen, der auch vor den Ausbrüchen der bösen Lochrüfe gesichert schien, welche das alte "Wolfsnest" (Vorläufer von Lupinis, dem heutigen Mayenfeld) völlig verschüttet haben soll.

Prestenegg kam dann in den Besitz der Grafen von Vaz, 1399 in denjenigen der Grafen von Werdenberg, später an die Toggenburger, und 1594 wurde es von Vespasian von Salis und dessen Frau, Anna von Schauenstein, gekauft. Damals ist das Haus in Salenegg umgetauft worden, und damals jedenfalls wurde auch beim, Brunnen im Hofe die Sahlweide, das Wappenbild des neuen Besitzers, gepflanzt. Das Haus blieb allerdings nur ganz kurz in Salisschem Besitze, es kam an den Schwiegersohn Vespasians, den Ritter Anton von Molina, und nach dessen sagenumwobenem Tode (siehe Volkstümliches aus Graubünden; Aufzeichnungen des P. v. Wiezel, Maienfeld, hrsg. 1874 von Dietrich v. Jecklin) wurde es der Stammsitz des Zweiges der Familie Gugelberg v. Moos, der sich 1522 in Maienfeld eingebürgert hatte und das Haus heute noch bewohnt.



Diese Sahlweide hat nun ein für solche Bäume seltenes Alter und eine aussergewöhnliche Grösse erreicht. Der Stamm misst 5,40 m an Umfang, und noch um 1890 herum hingen ihre langen Äste über den ganzen, grossen Brunnen herunter, und ihre starken Wurzeln hoben die schweren Steinplatten des Brunnenbodens. Nun schien aber auch ihre Zeit gekommen zu sein. Grosse Äste starben ab, der Stamm wurde innen faul, nach und nach hohl und bekam einen grossen Riss. Es ist nur einem Zufalle zu verdanken, dass der Baum nicht beseitigt wurde und der gut windgeschützten Lage, dass unsere heftigen Föhnstürme, welche grosse Äste herunterbrachen, den Stamm nicht umwarfen. Gerade als man den Baum ganz aufgegeben hatte, regte sich, erstaunlich genug, zeigten sich einige ganz junge Triebe und frisches Laub in der Baumkrone, was man sich gar nicht erklären konnte. Als man der Ursache nachforschte, konnte man feststellen, dass die Baumkrone eine junge Wurzel durch das faule Innere des eigenen Stammes getrieben hatte, die kaum armsdick war, als man sie 1910 entdeckte. Das morsche Holz im Innern des Stammes brach nach und nach heraus, die Wurzel kam an die Luft, es bildete sich eine Rinde, und sie wurde selbst zum neuen Stamme, der nun die alte Baumkrone ernährt. Vom alten Stamme ist nur noch die nun völlig leblose Rinde da, durch darumrankendes Efeu zusammengehalten. Da der neue Stamm das immerhin recht grosse Gewicht seines Vorgängers kaum tragen könnte, ist derselbe durch eine Kette an dem daneben stehenden Gärtnerhaus befestigt worden. Der neue Stamm wächst nun rasch im Schutze der alten Hülle und wird in absehbarer Zeit ganz an die Stelle des alten Stammes treten können. Er hat heute einen Meter Umfang, und auch aus der alten Krone heraus treiben nun, von ihm ernährt, neue Äste. Diese, wie auch Fachleute sagen, gewiss sehr seltene Art der Fortpflanzung, sozusagen der Auswechslung des Baumstammes unter der verbleibenden Baumkrone, wird von vielen Besuchern erstaunt betrachtet. Sie gab auch dem öfters in unserer Gegend weilenden bekannten Dichter Rainer Maria Rilke Anlass zu den folgenden Versen, die er in das Gästebuch von Salenegg eingetragen hat. Es dürfte auch eines der letzten Gedichte Rilkes gewesen sein, da er seine Absicht, im kommenden Jahre wieder in unsere Gegend zu kommen, leider nicht mehr ausführen konnte. Ist er doch schon einige Monate nachher, am 29. Dezember 1926, gestorben:

Einstens pflanzten sie die Wappenweide,
eine Frage an der Zukunft Heil.
Lebende und Tote, schien es, beide
nahmen an des Wachstums Hoffnung teil.
Sie gedieh. Der Erde Kraft bejahte
das dem Baum verbündete Geschlecht:
jedesmal wenn sich ein Frühling nahte
gab der Himmel seinem Antrieb recht.
Wie nicht an des Baumes Überwinden,
wie nicht an des Stammes Überstehn
einen Glauben, eine Hoffnung binden?
Wenn wir ein Vertrautes dauern sehn
dauern wir mit ihm; so wuchs der Baum.
Aus dem immer stärkern Stammgebäude
warf er jährlich seine grüne Freude
in den freudig zugestimmten Raum.
Aber wachsen heisst auch altern. Endlich
gab die greise Baumgestalt sich auf,
und mit Sorge sah man unabwendlich
den sich still erschöpfenden Verlauf.
Des vergreisten Stammes Rinde klaffte:
Man gewahrte durch den dürren Riss
mehr und mehr die ganz unwesenhafte
saftverlassne leere Finsternis.
Unter Sturm und Überwintern immer
weiter offen stand die Höhle lang,
schliesslich zog in dieses schwarze Zimmer.
obdachlos ein fremder Untergang.
Nur durch einer letzten Wurzel Leitung
(in dem Hohlraum hängend, wie verjährt)
schien des heitern Laubes Zubereitung
noch für eine kleine Zeit gewährt.
Niemand achtete der welken Fäden
selbst des Gärtners Sorgfalt täuschten sie,
denn wir leben näher an den Schäden,
als an eines Wunders Melodie.
Dies vollzog sich dennoch. Wunderbares
atmete im Armsein des Verfalls;
heimlich stieg die Stimme jedes Jahres
innen auf und stärkte diesen Hals.
Langsam markte er sich aus zum Stamme,
und nun steht die Wandung, die verfällt,
schützend da, wie man um eine Flamme,
welche kämpft, die hohlen Hände hält.

Envoi: Möge nun des starken Baumes Häutung
weithin für den Stammbaum gültig sein:
Mit dem Baum erneut sich die Bedeutung
und der heimlich wirkende Verein.

Salenegg, im August 1926 R. M. R.


Baugeschichtliches

Im Buch «Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Graubünden Band II» von Erwin Poeschel wird Schloss Salenegg als eines der reizvollsten Herrenhäuser der Schweiz bezeichnet. Bis es aber soweit war, haben viele Bauherren ihre Ideen eingebracht. Es bleibt zu hoffen, dass die Denkmalpflege auch weiterhin nachsichtig urteilt, wenn es darum geht, dass auf Salenegg umgebaut werden muss, damit nachfolgende Generationen auch weiterhin den immer wechselnden Anforderungen und Bedingungen gerecht werden können.
Schloss Salenegg, das sich in aussichtsreicher, vom Städtchen Maienfeld etwas abgesetzter Lage sonnt und sich mit seiner langgezogenen, durch den malerischen Turm belebten Silhouette glücklich in die grosszügig modellierten Formen des Rebgeländes einfügt, hat seinen Gang durch die Geschichte unter einem andern Namen angetreten.

Um 1330 war es als Prestenegg im Besitz der Grafen von Werdenberg-Sargans. Der alte Name Prestenegg wird nach der Überlieferung mit dem Kloster Pfäfers in Verbindung gebracht, das hier, in der sonnigen Lage der Herrschaft, für seine erholungsbedürftigen und von Gebrechen (Presten) geplagten Mönche einen Sitz errichtete.
Eine bis zur Aufhebung des Stiftes 1838 formell existierende Dienstbarkeit, die den Herrn zu Salenegg verpflichtete, die Mönche von Pfäfers an einem bestimmten Tag im Jahr zehrfrei zu halten, weist wie auch andere Indizien auf eine Verbindung zwischen Salenegg und dem Pirminskloster hin.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war Prestenegg im Besitz der Familie Beeli von Belfort und kam 1594 nach einer Reihe von Handänderungen durch Kauf an Vespasian von Salis. Dieser hat Prestenegg 1604, wie der Chronist Anhorn zu berichten weiss, «underbuwen, gewelbte Käller, schöne sal, stuben und kameren lassen machen, ouch erweytteret, so witt der torckel gadt, mit ziegel lassen bedecken». Damit wurde, wie der gleiche Chronist meldet, «Pressaneckh das schöne wohlerbauene Lusthauss des Herrn Vespasian von Salis». Salis hat also praktisch einen Neubau ausgeführt, von dem noch ansehnliche Teile im heutigen Schloss Salenegg, wie der neue Besitzer sein Schloss in Anlehnung an den Familiennamen nun nannte, erhalten sind.
Seine Tochter Violanda brachte den Sitz durch Heirat an Ritter Anton von Molina, der als ehemaliger Dolmetsch des französischen Gesandten Pascal während der Bündner Wirren zur österreichischen Partei wechselte und 1637 einer der eifrigsten Verschwörer gegen Herzog Rohan wurde. In Salenegg gestaltete er den Gartensaal im Erdgeschoss, dessen originelle Decke ein Gemälde mit den Wappen von vierzig regimentsfähigen Bündner Geschlechtern und den Drei Bünden aufweist.
Ritter Molina, dessen Tod um die Mitte des 17. Jahrhunderts die Sage mit mysteriösen Berichte umrankt hat, hinterliess keine männlichen Erben, und seine drei Töchter verkauften Salenegg 1654 für 14000 Gulden und sechs Fuder Wein an Hans Luzi Gugelberg von Moos, Landeshauptmann im Veltlin und Stadtvogt zu Maienfeld. Er gab der grossen Stube das gediegene Täfer und beschaffte aus Flums den aus einer mächtigen Eiche gefertigten Torkelbaum, für dessen Transport damals fünfzig Ochsen nötig waren.
Hans Luzis Sohn, Ulysses, liess um 1713 den Anbau erstellen, der heute das Treppenhaus birgt, damals aber ein Weingewölbe, eine neue Küche und einen Saal enthielt. Seine Söhne, Heinrich, Lorenz und Ulysses, bauten 1756 den Turm auf. Der grösste Bauherr von Salenegg aber wurde Ulysses, Kommissar zu Cläven und Bundesoberst (1756-1820). Souverän und grosszügig disponierend, formte er in einem umfassenden Umbau zwischen 1782 und 1784 die aus verschiedenen Bauetappen stammenden Teile zu einer einheitlichen Anlage, die ihre Form, abgesehen von einem kleinen Umbau am Turm um 1820, bis heute gewahrt hat. Commissarius Ulysses aber war bei diesem ganzen Umbau nicht etwa nur Auftraggeber, nein, ein Zeitgenosse bestätigt, «dass weder deutsche noch italienische Architekten, sondern das erfinderische Genie des Eigentümers den Plan zu diesem Gebäude entworfen hat.»
Die Familie konnte aber das neue Schloss nicht lange ungestört geniessen, denn wenige Jahre nachdem sie den Sitz wieder bezogen hatte, brach in Frankreich die Revolution aus, die ihre Schatten bald bis nach Bünden werfen sollte. Als heftiger Gegner der «Patriotenpartei», welche die Vormachtstellung der Salis bekämpfte und bei der französischen Republik Rückhalt fand, stellte sich der Schlossherr von Salenegg wie die mit ihm verwandten Salis-Marschlins auf die Seite Österreichs. Das Hauptquartier der kaiserlichen Truppen für Bünden war in Salenegg untergebracht, und General Hotze berief Ulysses Gugelberg von Moos in die für Bünden eingesetzte Interimalregierung. Nach erneutem Einmarsch der Franzosen flüchtete Herr Ulysses ins Tirol, und sein Schloss war trotz eines strengen Befehls, den der französische General Massena persönlich zum Schutze von Salenegg erlassen hatte, den Plünderungen der französischen Soldateska ausgeliefert. Sogar Suworow soll, so will es die Tradition, nach seinem gefahrvollen Marsch über den Panixerpass im Herbst 1799 in Salenegg abgestiegen sein.
Auch eine knappe Übersicht über die Geschichte von Salenegg darf einen Mann nicht vergessen: Ulysses Rudolf von Gugelberg (1809-1875), den Freund Hans Konrad Eschers von der Linth. Er war als Ingenieur nicht nur massgeblich an der Linth- und an der Juragewässerkorrektion beteiligt, sondern auch ein Pionier im schweizerischen Eisenbahnbau und ein im In- und Ausland gesuchter Spezialist für Fragen des Brückenbaues, der als Experte in verschiedensten Baufragen internationales Ansehen genoss.
Seine Nachfahren wohnen noch heute, dreihundertzwanzig Jahre nachdem der erste Gugelberg von Moos sich hier niedergelassen hat, in Salenegg und betreuenden Sitz samt seinem von Generationen gesammelten, vielfältigen Inventar, das allein ein kleines Museum zu füllen vermöchte, so aufmerksam, dass man selbst im hintersten Winkel des Schlosses die ordnende Hand seiner Bewohner zu spüren vermeint. Wer heute Salenegg, von dem hier nur die allerwichtigsten Räume genannt werden können, betritt, ist überwältigt von der heiteren Eleganz, die ihn im Treppenhaus empfängt, wo das Licht in Fülle durch die grossen Fenster strömt und im luftigen Rokokostuck von Wänden und Kuppel spielt.
Die gleiche Stimmung erwartet den Besucher im festlichen Blumensaal, dessen Decke von graziösen Rocaillen umrahmte Stuckprospekte von Maienfeld sowie von Burgen und Dörfern der Umgebung zeigt und so mit den die Wände belebenden roten Marmorplatten bestens harmoniert.
Als bedeutsamster Raum aber darf die durch einen hervorragenden Pfau-Ofen von 1638 bereicherte grosse Stube gelten, deren Täfer und reiche Kassettendecke der erste von Gugelberg zu Salenegg nach der Mitte des 17. Jahrhunderts herstellen liess, und wo von den Porträts an den Wänden all jene Hausherren auf den Gast blicken, die im Laufe der Jahrhunderte aus Salenegg «eines der reizvollsten Herrenhäuser Graubündens» gemacht haben.


Schlossgeist von Salenegg

Um 1637 brachte Violanda von Salis, Tochter des Vespasians v. Salis Salenegg durch ihre Heirat mit Ritter Anton von Molina Salenegg in dessen Besitz. Auf seine Weise gehört es ihm noch immer, denn Ritter Molinas Tod um die Mitte des 17. Jahrhunderts ist von mysteriösen Berichten umrankt.
Warum das so ist, lesen Sie lieber gleich selber in der Sage «Ritter Molina»aus dem Bündner Sagenbuch:

Ritter Molina
aus: Arnold Büchli, Sagen aus Graubünden,
1. Teil, 2. veränderte Auflage, Sauerländer Aarau, um 1930; Seiten 292-305.

Im Schloss Salenegg hängt ein merkwürdiges altes Gemälde, das Bildnis eines frühern Gutsherren, des Ritters Anton von Molina, des Sohnes des Podestat von Santa Maria in Calanca, der ihn auf die Hohe Schule zu Paris geschickt hatte, von wo er als sprachenkundiger Dolmetsch zurückkehrte. 1630 war er Landvogt von Maienfeld, führte später Feldzüge in franz./spanischen Diensten, verheiratet in Salenegg mit der Tochter des Ritters Vespasian von Salis.

Bei seinem Tode müssen seltsame Dinge passiert sein. Es kommt da ein Johannes Moser, der Geigerhans, von Ilanz bis Davos als bekannter Geigerspieler vor, der Zeuge des Todes gewesen sei. Dessen Urenkel, der "Eichhölzler» Moser (zwischen Maienfeld und Jenins gelegenes Gut Eichengut), 1828 in Maienfeld begraben, habe die Begebenheit erfahren. Der Hinter-Ehni, also der Geigenhans, hätte dem Molina einen fälligen Kapitalzins überbringen müssen. Im Schloss führte ihn der alte Caleb, Molinas Kellermeister, in seines Herren Wohnstube. Dort sass der Oberst in seinem Sessel am Fenster, allein! Wie immer, seitdem ihn die Gicht plagte und er den Degen nicht mehr führen konnte. Neben ihm hockte sein grosser, hässlicher Affe namens "Tristram", der alle sein Leute plagte. Geigerhans hätte ihm das Geld mit den Worten übergeben "Ihr werdet alles in Ordnung finden, Herr Ritter». Der Ritter befahl Caleb, dem Überbringer bei ihm ein Glas Wein zu geben. Kaum aber hatten die beiden den Raum verlassen, vernahmen sie einen gellenden Schrei, die Stimme des Ritters. Sie sprangen zurück, der Oberst schrie "Hölle - Hölle, und ihre Flammen". Es entstand ein grosses Durcheinander. Dem Geigerhans schwindelte der Kopf, er vergass Geld und Quittung und flüchtete aus dem Haus. Caleb, in seiner Kammer neben dem Saale, in dem der Oberst lag, bat den alten Marugg, mit ihm die letzte Nachtwache anzunehmen. Das silberne Pfeifchen des Obersten tönte immer noch, das Zeichen, mit dem der Verstorbene jeweils das Bettumwenden wegen der Gicht angab. Um Mitternacht schrillte das Pfeifchen, scharf und gellend. Die beiden Nachtwächter machten sich auf, am ganzen Leibe zitternd. Kerzen brannten im Saal, der Tote sass aufrecht im Sarg, neben ihm kauerte der Affe. Marugg fiel ohnmächtig um, erfasste trotzdem alles, was da geschah. Sie hörten vor dem Haus ein Kutschengeräusch, das Tor öffnete sich, schwere, langsame Schritte kamen herauf, den Gang aufwärts, ein dumpfes Pochen ertönte. Dann sah er, dass der Ritter sich mühsam aus dem Sarge erhob, ein tiefer, grauenhafter Seufzer war vernehmbar, er wankte zur Türe, die Augen fest geschlossen, an ihm vorbei und verschwand draussen. Wie lange Marugg lag, wusste er nicht. Erst nach Morgengrauen vermochte er aufzustehen, blickte in den Sarg, der war leer! Dafür lag zwei Schritte daneben der alte Caleb starr und entseelt. Man versuchte, die Sache zu verheimlichen. Aber als der Leichenzug mit dem Obersten aus dem Schlosstor trat, öffnete sich oben ein Fenster und heraus blickte der Ritter Molina im Schlafrock, den er immer getragen hatte, schrecklich das spitze Totengesicht und die heisere Stimme, mit der er die Träger unten ansprach, ob sie schwer zu tragen hätten! Das Vertuschen war vorbei, über 100 Leute hatten das mitangesehen. Nach diesen Ereignissen trat Junker Hector, Sohn des Molina (gemäss Sage, aber Molina hatte keinen Sohn, nur einen Tochtermann), die Erbschaft an. Das Geld von Johannes Moser kam zur Sprache, Caleb habe es ja gesehen. Hector und Moser kamen in Streit, der Junker rief nach Ammann und Weibel. In der Clus kehrte Moser im Wirtshäuslein der Stini Fausch ein, trank Branntwein, wünschte, dass Molina keine Ruhe finde bis dem Geigerhans sein Recht geworden sei, tat einen Trinkspruch auf die Gesundheit des bösen Geistes und ritt fort, heimwärts auf das Zinsgut zu, das er von Molina hatte.
Inzwischen wurde es stockdunkel und es erschien ein fremd aussehender Mann zu Pferd, der Molina bestens gekannt haben wollte. "Er sei jetzt Herr und Molina sei sein Diener, er wolle jetzt die Quittung geben, er solle mitreiten". Geigerhans rief, dass er wegen dieses Fetzens Papier bis ans Höllentor und noch weiter gehe! Dabei meckerte der Reitersmann wieder merkwürdig und weiter ging's in schärferer Gangart durch die finstere Nacht. Vor dem Portal eines grossen Hauses, das Moser merkwürdig bekannt vorkam, er glaubte, es sei Salenegg, ritten sie in den Hof. Trompeten und Geigen erschallten, getanzt und gefestet wurde wie damals zu Molinas Zeiten. Sie stiegen ab, Moser knotete sein Pferd am Ring fest, an dem er schon früher seinen Gaul angebunden hatte. Er sah sich nach seinem Begleiter um, doch der und sein Pferd waren verschwunden. Um nichts war er nicht hieher geritten, er klopfte ans Tor. Caleb öffnete. "Seid ihr nicht tot? Träume ich?" "Kümmert euch nicht um mich, habt acht auf euch, seid auf der Hut, nehmt nur die Quittung an!" Dann führte Caleb den Geigerhans in die Wohnstube. Dort ging's hoch her, wie zu Ritters Zeiten. Da tafelten der alte Schauensteiner, der filzige Brügger, dann Baldiron, neben ihm der wilde Robustelli, weiter unten Hans Peter Guler, eben stiess mit ihm Georg Jenatsch an und weitere. Sogar unter den Dienern erschienen bekannte Gesichter, längst oder kürzlich Verstorbene. Mitten drin im Getümmel gebot plötzlich der alte Molina mit Donnerstimme den Geigerhans zu sich, alle waren da, nur Tristram fehlte, der komme erst, wenn der Tag anbreche. "Hast du mit meinem Sohn abgerechnet?" Mit Mühe gab er die Worte hervor, der Junker wolle sich ohne die Quittung nicht zufrieden geben. "Also spiele ,Zwischen Chur und Maienfeld', aber schön, dann bekommst du den Schein", sagte der Oberst und schickte Caleb nach der Geige. Der brachte diese, aber der Geigenhals war von glühendem Stahl. Geigenhans sagte, er sei nicht zum Spielen oder Trinken und Essen da, sondern wegen der Quittung. Da fletschte der Oberst die Zähne und rief wie ein Tobsüchtiger: "Da ist die Quittung und dein Geld, das liegt im Katzenwinkel!" Der Moser bedankte sich und wünschte seiner Seele in Gottes Namen Ruhe und Frieden. Beim Wort "Gottes" wurde es finster und er spürte wie einen Schlag, er stürzte und verlor das Bewusstsein. Als er nach einiger Zeit wieder zu sich kam, lag er auf dem Friedhof von Maienfeld, dicht neben dem Grabmal des Molina, sein Pferd weidete bei den zwei Kühen des Pfarrers, in seinen Händen hielt er die Quittung, vom Ritter unterschrieben! Im Morgennebel suchte er sofort den Junker auf Salenegg auf. Als der von der Quittung hörte, sprach er von Schwindel, von Hölle, und er klage ihn vor dem Gericht an. Moser erzählte ihm die Geschichte. Dann sagte der Junker: "Wenn das wahr ist, dann finden wir das Geld im Katzenwinkel!" Wo aber ist der Katzenwinkel? Der Marugg weiss das. Der wusste es, dieser Winkel sei im obersten Teil des Turmgebäudes, nur eine Leiter führe in den Turm-Estrich hinauf. Dorthin ging's nun, der Junker eilte mit einer Pistole nach dem Turm, stieg hinauf, betrat den Verschlag. Da fuhr ihm ein wütendes Fauchen entgegen, wollte ihn hinunterstossen, die Pistole ging los. Marugg und Geigenhans vernahmen unten ein gellendes Gewinsel. Nach einer Minute warf der Junker den Körper des erschossenen Tristrams und den Beutel Geld unversehrt hinunter. Der Affe also hatte ihn verschleppt. Junker Hector stellte die Unschuld des Geigerhans fest, versprach ihm, ein guter Herr zu sein, erliess ihm auch einen Teil des jährlichen Zinses, gab ihm auch eine neue Quittung, warf die frühere Quittung ins Kaminfeuer, welche unter Zischen wie eine Rakete entschwand. Moser Johannes nahm ein ganzes Jahr seine Geige nicht mehr in die Hand, schüttete auch Wein nicht mehr in Menge durch seine Gurgel.
Vom Ritter Molina wurde in Maienfeld noch viel gesprochen. Er pflegte zu sagen, dass er kein rechter Edelmann gewesen sei. Sein Geist sei noch lange in der äussern Turmwand im nördlichen Treppenhaus gebannt und eingemauert gewesen. Jetzt ist die Stelle verwittert, aber ein Fleck an der Stirnseite des Treppenhauses sei immer noch zu sehen.


Wissenswertes über Wein und Schloss

Zukunft ist Herkunft
Wein und Schloss Salenegg gehören untrennbar zusammen. Seit 1068 werden im ältesten Weingut Europas herrschaftliche Weine naturnah angebaut und gekeltert. Bereits 950 legte der Prior des Klosters Pfäfers den Grundstein zur heutigen Schlossanlage mit ihrem Weinberg. Die Familie von Gugelberg bürgt seit 1654 für Qualität und Originalität. Heute leitet Helene v. Gugelberg die Geschicke des Gutes mit Weitblick.

Tradition ist Kultur
Der mächtige Torkelbaum aus dem Jahre 1656 ist eng mit der Geschichte der von Gugelberg auf Schloss Salenegg verbunden. Sein Einbau im Torkel zeigt, dass den Schlossherren kein Aufwand zu gross war, um mustergültigen und zeitgemässen Weinbau zu betreiben.

Heute vereinen wir Bewährtes mit Neuem – so beim Blauburgunder, dessen Maischenstand- und Gärzeit während zehn Tagen in Stahltanks erfolgt, wo auch der biologische Säureabbau stattfindet. Danach darf der junge Wein zur vollen Entfaltung seines Charakters in die althergebrachten grossen Fuder (Holzfässer) umziehen. Dort bleibt er, bis er ein Jahr später trinkreif abgefüllt wird. Erst im Keller ändert sich die Behandlung von Blauburgunder und Chardonnay. Der Chardonnay-Most wird nach der Ganztraubenpressung gleich in französische Barriques gefüllt. Hier durchläuft er alle Stadien des Werdens unter dem wachsamen Auge des Kellermeisters. Erst zwölf Monate später wird der gereifte Wein in Flaschen abgefüllt und zum Verkauf freigegeben.

Rebe und Terroir
Die stattlichen Rebflächen von Schloss Salenegg schmiegen sich an die Ausläufer des Falknis. Das charakteristische Bergmassiv schützt die Weinberge vor kalten Nordwinden und schafft ein Mikroklima, in welchem sich die Reben besonders wohl fühlen. Die kalkhaltigen Schieferböden an hervorragenden Sonnenlagen sind die Grundlage dafür, dass der «Salenegger» zu den bevorzugten Schweizer Weinen gehört.

Mit acht ständigen Mitarbeitern bewirtschaften wir die zwei Hektar grosse Park- und Gartenanlage sowie die mittlerweile elf Hektaren umfassende Rebfläche. Auf zehn Hektaren wächst der im Jahre 1798 in der Bündner Herrschaft heimisch gewordene Blauburgunder. Wir setzen auf einen ausgewogenen Mix bewährter Burgunderklone.

Die Qualität muss im Rebberg entstehen, weshalb wir grössten Wert auf eine ausgewogene Erziehung unserer Reben legen. Dazu gehört auch eine rigorose Ertragsbeschränkung auf maximal 750 g pro m². Die Charaktermerkmale all unserer Weine werden im Rebberg angelegt und geprägt. Die Kunst des Kellermeisters besteht darin, den heranreifenden Wein zu formen und zur Vollendung zu bringen. Nur so erhalten wir einen terroirtypischen Wein, der den Namen «Schloss Salenegg» auch verdient.